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Wie funktioniert das Inkasso in der Schweiz?

01. Juni 2021 | Inkassobüro Schweiz | Petra Gissinger

Wie in allen Ländern mit einer funktionierenden Rechtsordnung gibt es in der Schweiz gesetzliche Regeln zur Durchsetzung von Forderungen. Die wesentlichen Vorschriften finden sich im Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG). Die juristischen Möglichkeiten in der Praxis umzusetzen, ist eine schwierige Aufgabe. Dies war lange Zeit eine Domäne der Rechtsanwälte, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich, nicht nur in der Schweiz, ergänzend dazu eine eigene Branche entwickelt.

 

Inkasso in der Schweiz – die rechtlichen Grundlagen

Das Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs gibt jedermann ohne Nachweis der Berechtigung die Möglichkeit, ein amtliches Verfahren zum Forderungseinzug einzuleiten (das Betreibungsverfahren anzuheben). Dazu ist ein Betreibungsbegehren an das Betreibungsamt zu richten, in dem der Schuldner seinen Wohnsitz hat. Das Betreibungsamt ist eine kantonale oder kommunale Behörde, die exekutive Pflichten vornimmt (Vergleichbar dem deutschen Gerichtsvollzieher) und Auskünfte und Bestätigungen über die Schuldensituation privater Personen oder von Organisationen erteilt.

 

Zur Feststellung des Wohnsitzes eines Schuldners können Kosten anfallen, die der Gläubiger vorschiessen muss. Er kann diese jedoch vom Schuldner einfordern. Das Betreibungsamt erlässt aufgrund des Betreibungsbegehrens einen Zahlungsbefehl gegen den Schuldner. Bestreitet dieser die Rechtmässigkeit der Forderung, kann er das Rechtsmittel des „Rechtsvorschlags“ einlegen: Er kann ohne Angabe von Gründen Widerspruch anmelden und somit die vorläufige Einstellung des Verfahrens veranlassen. Besteht der Gläubiger auf seiner Forderung, so muss er vor Gericht die Beseitigung des Rechtsvorschlags einfordern. Der Gläubigers kann durch jede handlungsfähige Person vertreten werden.

 

Dem gerichtlichen Verfahren vorgeschaltet ist ein Schlichtungsversuch durch den Friedensrichter. Besteht die Forderung nach gerichtlicher Prüfung weiter, so wird das Verfahren durch die Zahlung des Schuldners beendet. Andernfalls besteht die Möglichkeit der Zwangsvollstreckung durch das Betreibungsamt mit der Möglichkeit der Pfändung von Vermögensgegenständen aus dem Eigentum des Schuldners.

 

Der Verlustschein

Verläuft die Pfändung ganz oder teilweise fruchtlos, so erhält der Gläubiger einen Verlustschein, der seine Forderung für 20 Jahre verbrieft. Wird der Schuldner wieder zahlungsfähig, so kann der Gläubiger seine Forderung unmittelbar geltend machen. Nach Ablauf der Frist besteht die Möglichkeit, innerhalb von sechs Monaten ein Fortsetzungsbegehren zu stellen oder einen neuen Zahlungsbefehl zu erwirken. Ist der Schuldner ein Unternehmen, kann der Konkurs angedroht und in der Folge Konkursbegehren (Insolvenzantrag) gestellt werden.

 

Die Dienstleistung

Parallel zu den Rechtsanwälten haben sich zahlreiche Unternehmen etabliert, deren Geschäftszweck Inkasso in der Schweiz ist. Sie unterliegen in der Schweiz keinen besonderen Vorschriften oder einer solchen Überwachung. Sie haben allerdings auch keinerlei besondere Rechte zur Durchsetzung der ihnen übergebenen Forderungen. Ihr Geschäftserfolg wird massgeblich von der fachlichen und sozialen Kompetenz ihrer Mitarbeiter getragen.

 

Der Markt für Inkasso-Dienstleistungen ist mittlerweile für Aussenstehende derartig unüberschaubar, dass Hilfe für das Auffinden des geeigneten Ansprechpartners geboten ist. Der Verband geprüfter Inkassounternehmen in der Schweiz VGIS vertritt seine Mitglieder als Interessenvertreter, prüft diese regelmässig und vergibt ein Qualitätssiegel. Diese Auszeichnung bescheinigt, dass die Aktivitäten des Mitglieds rechtskonform und vereinbar mit den Statuten des Verbandes gehandhabt werden. Mitglieder des VGIS sind zahlreiche Inkassofirmen und Juristen, die sich auf diesem Fachgebiet spezialisiert haben. Die Suche nach dem individuell geeigneten Inkassounternehmen unterstützt der Verband durch das Vorhalten einer besonderen Dienstleistung: dem

Schweizer Inkasso Register (https://www.inkassoregister.ch/).

Erfahrene Mitarbeiter prüfen Inkasso Anfragen und empfehlen das Unternehmen, das sich für ähnlich gelagerte Probleme besonders empfohlen hat.

 

Die Praxis

Wer eine Forderung geltend machen will, muss stets abwägen, ob dies wirtschaftlich Sinn macht. Dem berechtigten Ansinnen, jedermann zu zeigen, dass die eigenen Rechte grundsätzlich durchgesetzt werden, steht das oft fragwürdige Kosten/Nutzen-Verhältnis gegenüber. In der Schweizer Rechtsordnung gilt der Zahlungsverzug als normales Unternehmerrisiko mit der Folge, dass der Verzugsschaden, also die Kosten für die Betreibung, vom Gläubiger getragen werden muss. Der Schuldner zahlt nur die amtlichen Gebühren und gegebenenfalls die Feststellung des Wohnsitzes. Rechtsanwälte berechnen in der Schweiz ihr Honorar nach Stundensätzen: Allein diese Tatsache erklärt einen Teil des Erfolges der Inkassobranche. Wer in der Schweiz Inkasso betreibt, muss befähigt sein, vor der Einleitung der amtlichen Betreibung Lösungen mit dem Schuldner zu finden.

 

Private Schuldner

Die Mehrzahl der privaten Schuldner ist grundsätzlich zahlungswillig, aber zum Zeitpunkt des Eintretens eines Forderungsverzugs nicht zahlungsfähig. Die Gründe dafür können vielgestaltig sein und reichen von der persönlichen Tragödie bis hin zum „Über-die-Verhältnisse-Leben“. In vielen Fällen reicht ein individuelles Angebot für eine Teilzahlungsregelung eventuell verbunden mit einer Zahlpause aus, um das Problem in geordnete Bahnen zu lenken.

 

Die erste Aufgabe der Mitarbeiter von Unternehmen, die in der Schweiz Inkasso anbieten, ist es die Schuldner innerhalb der rechtlichen Schranken zum Bezahlen zu motivieren. Das Schweizer Recht verbietet bereits den Hinweis auf „ernstliche Nachteile“, die einem Schuldner aus der Zahlungsverweigerung erwachsen können. Erlaubt ist lediglich der Hinweis auf den amtlichen Weg, die Anhebung des Betreibungsverfahrens.

 

Unternehmen als Schuldner

Wird ein Unternehmen betrieben und bezahlt seine Schulden nicht, so kann der Gläubiger ab dem 20. Tag beim Gericht die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners feststellen lassen. Hält sich das Unternehmen für zahlungsunfähig, muss es seine Insolvenz selbstständig erklären. Der Konkurs wird veröffentlicht und nach Verwertung des Vermögens der Gesellschaft wird diese im Handelsregister gelöscht. Die kurze Zahlungsfrist bedeutet zwar zum einen sehr viel Druck auf den Schuldner, zum anderen muss sich der Gläubiger stets fragen, ob er den

Schuldner wirklich in den Konkurs treiben will. Professionelles Inkasso in der Schweiz bedeutet im Umgang mit Unternehmen vor allem auch eine solide Kenntnis der wirtschaftlichen Gegebenheiten des Schuldners und darauf hin abgestimmte  Aktivitäten.

Mehr als nur das Inkasso einzelner Forderungen

Über die Dienstleistung Inkasso hinaus bieten viele im Schweizer Inkasso Register (www.inkassoregister.ch) gelisteten Firmen Services aus dem Debitorenmanagement an. Das kann dessen völlige Übernahme bedeuten, aber auch den Ankauf einzelner Forderungen (Factoring) oder die Schuldscheinverwaltung. Ein persönliches Gespräch ermöglicht, auf individuelle Probleme einzugehen und Lösungen anzubieten.

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